Cellulite und andere Desaster

Ich verbringe viel Zeit an Flughäfen und Bahnhöfen. Neben meiner ersten Leidenschaft den Duty Free nach neuen Kosmetikprodukten oder auch gerne Sonnenbrillen zu durchstöbern, habe ich eine Schwäche für Thriller. Keine besonders anspruchsvollen um ehrlich zu sein, aber ich finde es total entspannend und nostalgisch in “echten” Büchern zu lesen. Unvermeidlich bei meinen Exkursionen sind die omnipräsenten Ständern mit Klatsch Magazinen. Und jedes Mal frage ich mich, wer diese papiergewordene Niedertracht und Hetzjagd kauft oder schlimmer, wer so etwas schreibt. Magerdrama, Cellulite-Desaster oder Schönheits-OP Debakel von A-Z Promis werden da angepriesen. Gut, jetzt könnte man argumentieren, dass Prominente als öffentliche Figuren mit solchen Angriffen rechnen und leben müssen, aber was ist mit dem Einfluss den solche Schlagzeilen auf uns ausüben?

Und was soll überhaupt ein Cellulite Desaster sein? Ein erschreckend hoher Prozentsatz von Frauen und auch Männern quält sich mit diesem “Problem” und alles cremen, sporteln und beten wird das nicht ändern. Und auch ich habe nichts unversucht gelassen und auch letztendlich einsehen müssen: Diesen Kampf verliere ich und deswegen bin ich oder mein Körper nicht weniger schön, begehrenswert oder perfekt. Oft hört man in diesem Zusammenhang den gut gemeinten Ratschlag von Freundinnen: “Ach, Männer sehen sowas eh nicht!” Aber wieso ist das überhaupt unser Massstab? Mal davon abgesehen das die meisten Männer mit ausreichend Sehkraft gesegnet sind, aber was ist denn überhaupt so schlimm wenn sie feststellen das Ihre Freundin/Frau/Affaire ein echter Mensch ist? Welches Interesse sollte ich an einem potenziellen Lebenspartner haben, der mich weniger anziehend findet, weil er eine Delle auf meinem Oberschenkel findet?

Die heutige Informations- und Bilderflut zwingt uns, uns zumindest unterbewusst ständig mit dem gängigen Schönheitsideal zu messen und zu vergleichen. Mal ganz davon abgesehen, dass ein “Ideal” für Schönheit per Definition ein Widerspruch in sich sein sollte – wie kann ein Idealkatalog auf jeden Menschen ausgelegt werden, wenn das Empfinden für Schönheit doch ganz individuell und auch beeinflusst von Emotionen ist? Wir haben den natürlichen Drang uns ständig zu vergleichen, Evolutionsbioglogisch vielleicht sinnvoll, in der Instagram Generation ein nervenaufreibendes Unterfangen. Nun haben wir zwei mögliche Formen des Vergleiches zur Auswahl. Wir können uns mit Menschen vergleichen, die deutlich weniger attraktiv sind oder zumindest eines ihrer Körpermerkmale. Dadurch werden wir uns erstmal etwas besser und erleichtert fühlen. Auf diesen Mechanismus setzen auch angesprochene Klatschblätter. Wenn Jennifer Lopez, Göttin des Pops und scheinbar perfekt, Cellulite Krater oder unreine Haut hat und das bei mir weniger ausgeprägt ist, ist das noch eine grössere “Bestätigung” als wenn ich feststelle das meine Nachbarin auch schonmal stromlinienförmiger war. Es gibt sogar Studien, die beweisen, dass wir uns selbstbewusster und glücklicher fühlen wenn wir unser Gegenüber als weniger attraktiv einschätzen als uns selbst. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Form von Bestätigung auf Kosten anderer ungerecht und zumindest moralisch fragwürdig ist, haben wir diese Rechnung auch ohne die andere Seite gemacht: Die Werbung hat schon lange begriffen, dass es einfacher ist Frauen haufenweise Produkte anzudrehen, wenn sie nur dafür sorgen, dass sich die potenzielle Käuferschicht nur genug selbst hasst. So sehen wir knapp 20 jährige Anti-Aging Cremes verkaufen, Diätpillen werden von schlanken und sportlichen Mädels beworben und Unterwäsche von braungebrannten, gertenschlanken Brasilianerinnen, deren Teint für eine Europäerin ebenso realistisch ist wie ein Jahr bei der Deutschen Bahn ohne Verspätungen. Ein zero sum game für alle!

Mein Wunsch für die Zukunft. Lasst uns Produkte oder Magazine, die nicht zu unserer Unterhaltung sondern zu unser Verunsicherung beitragen boykottieren. Niemand braucht ein Magazin, das völlig normale Unzulänglichkeiten an den Pranger stellt als wären es Straftaten. Niemand braucht Marketing von Produkten, das völlig an den Käufern vorbeigeht. Wir sind Frauen des 21ten Jahrhunderts und lassen uns nicht mehr an der Grösse unserer Poren, der Straffheit unseres Gewebes oder dem Glanz unserer Haare messen.

 

 

 

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